Fastenimpuls 2020

Fastenzeit – Trainingslager in Sachen Leben

Die Fastenzeit oder, wie es richtiger heißt, „Österliche Bußzeit“ sind die 40 Tage zwischen Aschermittwoch und dem Osterfest. Traditionell bereiten sich Christen auf dieses höchste Fest ihres Glaubens vor, indem sie „fasten“, also auf etwas verzichten: Süßigkeiten, Alkohol, Zigaretten. Manche fahren in der Zeit bewusst kein Auto oder schauen weniger Fernsehen. Das „äußere Tun“ soll eine „innere Haltung“ einüben, indem man sich von Abhängigkeiten löst und dadurch wieder frei wird für das eigentlich Wichtige im Leben. 

Kann man natürlich machen. 

Aber je nachdem, was man sich vorgenommen hat, quält man sich dann mehr oder weniger heroisch durch diese Wochen hindurch – und „leidet“ sich Ostern regelrecht entgegen. 

Ganz andere Gestaltungsmöglichkeiten aber ergeben sich, wenn man die Fastenzeit von „hinten her“, also von Ostern her anschaut. An diesem Fest feiern die Christen den Sieg des Lebens über den Tod, exemplarisch vorgelebt in der Auferstehung Jesu Christi. Und wenn wir uns mit der Fastenzeit auf Ostern vorbereiten, dann geht es eben darum, dass wir das Leben und die Lebendigkeit einüben. Es geht nicht um „weniger leben“, es geht nicht um Verzicht um des Verzichtens willen, es geht nicht um Schlankheitskuren und Abspecken – sondern es geht um „mehr leben“, darum, dass wir lebendiger werden. 

Fastenzeit ist, wenn man es so versteht, eine Art „Trainingslager in Sachen Leben“. Und dazu möchten wir Sie in den kommenden Wochen einladen! 

 

Neugierig geworden? Dann scrollen Sie doch einfach weiter nach unten!

 


Wie geht das?

In den sieben folgenden Texten finden Sie für jede Woche der Fastenzeit einen Impuls und eine Anregung, wie Sie (vielleicht) lebendiger werden könnten. Den ersten Text lesen Sie am Aschermittwoch, die anderen jeweils am Sonntag für die kommende Woche – und eventuell haben Sie dann sogar schon Ideen, wie Sie das am besten umsetzen können. Der vorletzte Impuls ist ein Ostertext. 

Und dann gibt es da noch eine "Postkarte". Wir könnten uns vorstellen, dass Sie noch ganz andere Ideen und Vorschläge haben, wie man lebendiger werden kann. Schreiben Sie uns, was Ihnen dazu noch über unsere Anregungen hinaus einfällt – und wir veröffentlichen Ihre Ideen auf unserer Homepage! 

Lebendiger – damit meinen wir übrigens nicht leichter oder glücklicher,… sondern das Leben bewusst wahrzunehmen, mit all seinen Höhen und Tiefen. Nicht in den Alltagsroutinen zu erstarren, sondern achtsam für das Leben zu werden! 

Sich selbst zu spüren, den Menschen neben mir, vielleicht… Gott.

Übrigens: Sie haben im Blick, dass die Sonntage nicht zur Fastenzeit dazu gehören? Egal, wie schön und interessant Ihre Vorsätze jeweils sein mögen – ab Samstagabend können Sie getrost einen Tag lang damit aussetzen, denn nach jüdisch-christlichem Verständnis beginnt der Tag jeweils am Vorabend.

Und nun einen guten Weg zum Leben!

 

Ihr KIM-Team 


5. Fastensonntag

AUSPROBIEREN

Zugegeben – diese Woche könnte es ein bisschen verrückt werden.

Aber wie las ich mal auf einem Auto-Aufkleber: „Lieber lebendig als normal!“ - also los!

Zur Lebendigkeit gehört auch, dass man neue Erfahrungen macht, mal was Anderes ausprobiert. Der Satz „das haben wir aber noch nie so gemacht!“ hilft nicht gerade dabei, neue Welten zu entdecken! Deshalb – probieren Sie in dieser Woche einfach mal was aus: 

  •  wagen Sie sich an ein neues Kochrezept
  • gehen Sie mit zwei verschiedenen Strümpfen an den Füßen aus dem Haus
  • bringen Sie Ihrem Lieblings-Italiener einen Strauß Blumen mit
  • testen Sie eine neue Tee-Sorte
  • melden Sie sich zur Tanzstunde oder zum Kurs bei der Volkshochschule an
  • leihen Sie sich den Hund vom Nachbarn und gehen mit ihm spazieren
  • lernen Sie Skat

       Gibt es etwas, was Sie immer schon mal gerne tun wollten – aber nie getan haben?

Dann tun Sie es jetzt! Gewohntes einmal durchbrechen, Dinge anders angehen, sich auf Neues einlassen – ein gutes Training für das Leben.

Denn das kommt sowieso immer anders, als man denkt.

 

Andrea Schwarz



4. Fastensonntag

GENIEßEN

Konstantin Wecker, Liedermacher, bringt es wohl auf den Punkt:

Wer nicht genießt, wird ungenießbar! Zum „lebendig-sein“ gehört das Genießen einfach dazu.

Es ist die Kunst, lustvoll im Augenblick zu leben, etwas bewusst wahrzunehmen, sich an etwas zu freuen – der erste Schluck Kaffee am Morgen, die Vögel am Futterhäuschen, der Duft des selbstge-backenen Kuchens. Und man braucht auch nicht unbedingt viel Geld, um etwas genießen zu können. Es geht eher darum, die Tiefe eines Momentes zu erleben – nicht um „möglichst viel“. Deshalb: Stellen Sie sich heute Ihr „Genießen-Programm“ für die kommende Woche zusammen. Wahrscheinlich haben Sie selbst schon genug Ideen, aber für alle Fälle: 

  • der erste Bissen in eine Scheibe Brot, frisch, knusprig, einfach mit Butter
  • eine Tasse heiße Schokolade
  • ein Vollbad mit einem guten Badeschaum
  • zum Abendessen den Tisch besonders schön mit dem guten Geschirr decken
  • sich mit einem guten Buch in den Lieblingssessel verkriechen

       "Wer sich selbst nichts gönnt, wem kann der Gutes tun?" - wo das steht?

In der Bibel, im Buch Jesus Sirach, Kap. 14, Vers 5. 

Aber man muss es halt tun. Und denken Sie dran: 

Es geht darum, lebendiger zu werden! Das ist das Ziel…

  

Andrea Schwarz



3. Fastensonntag

STAUNEN

Kinder können das noch – staunen.

Das kann den kurzen Weg zum Bäcker zu einer regelrechten Entdeckertour werden lassen!

Sie lassen sich fasziniert von etwas in Bann ziehen, vom Regenwurm, der sich aus dem Boden hervorkringelt, dem kunstvollen Netz der Spinne, dem Löwenzahn zwischen den Pflastersteinen,…

Wir „Großen“ haben das manchmal verlernt. Wir staunen und fragen nicht mehr, sondern erklären oder nehmen es als selbstverständlich hin. Es ist zum Alltäglichen geworden.

Wir haben „Wichtiges“ zu tun und keine Zeit mehr, uns verzaubern zu lassen. Schade drum!

Deshalb für diese Woche die Anregung: wieder staunen lernen!

Nichts als selbstverständlich ansehen! Dabei können Fragen helfen:

  • wieso weiß die Tulpe, dass sie gelb blühen soll?
  •  warum ist Toastbrot eigentlich quadratisch?
  •  wozu brauchen Elefanten ihren Rüssel? 

Haben Sie Ihr Heft von der 1. Woche noch? Dann schreiben Sie doch diese Woche einfach jeden Abend auf, worüber Sie heute gestaunt haben!

 

Denn: Wer sich nicht mehr wundern kann, für den werden auch keine Wunder geschehen.

  

Andrea Schwarz



2. Fastensonntag

HÖREN

Auf neue und reizvolle Ideen kommt man u.a. dadurch, dass man hinhört. Der Dalai Lama, Ober-haupt der Buddhisten in Tibet, sagt es so: „Wenn du sprichst, wiederholst du nur, was du ohnehin schon weißt. Wenn du aber zuhörst, kannst du unter Umständen etwas Neues lernen.“

Aber nicht alles, was wir hören, hilft dabei, lebendiger zu werden. Der Fernseher im Hintergrund, die andauernde Musikberieselung, all das macht unsere Ohren eher taub. Deshalb geht es auch darum, bewusst zu hören. Und das kann man tatsächlich üben:

  • gehen Sie für fünf Minuten vor die Tür und achten Sie auf das, was Sie hören
  • lassen Sie mal für eine Stunde oder vielleicht sogar einen Tag lang Radio und Fernseher aus und hören Sie stattdessen ganz bewusst und ohne nebenbei etwas Anderes zu tun eine CD         
  • verzichten Sie in einem Gespräch einmal darauf, viel von sich zu erzählen, sondern hören Sie dem anderen einfach mal zu
  • suchen Sie sich einen Ort der Stille, irgendwo draußen an der Ems oder in einer Kirche 

Übrigens:  Es könnte durchaus sein, dass da auf einmal etwas in Ihnen zu sprechen anfängt….

aber wäre das so schlimm?

  

Andrea Schwarz

 

 



1. Fastensonntag

LOSLASSEN

Lebendig sein, das heißt auch, immer mal wieder aufzubrechen und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen, neue Erfahrungen zu machen, andere Welten zu erkunden. Manchmal habe ich selbst Lust zum Aufbruch, dann wieder werde ich durch äußere Umstände dazu gezwungen. Dabei ist es keine neue Erkenntnis, dass es sich mit leichtem Gepäck besser reist. Und eines fernen Tages, bei unserem letzten Aufbruch, werden wir sowieso nichts mitnehmen können.

Loslassen ist also angesagt – das aber kann auch befreien. Wenn ich immer nur alles festhalten will, dann werde ich davon auch „festgehalten“. Kann sein, dass das, was ich besitze, eigentlich mich besitzt. Dann aber sind meine Hände und mein Herz voll und nicht offen für das Neue. 

Deshalb die Einladung, es diese Woche einfach mal zu üben, das mit dem Loslassen. 

Ganz konkret: Trennen Sie sich jeden Tag von etwas – einem Buch, das Sie doch nicht mehr lesen werden, einer CD, der Jacke, die schon seit Jahren ungetragen im Schrank hängt. Vielleicht von einer Idee, einem Traum, einer Gewohnheit. Machen Sie es etwas „leerer“ um sich herum – und vielleicht auch in sich. Denn nur die Leere kann gefüllt werden. 

Sie können es sich natürlich auch in Ihrer netten Wohnlandschaft gemütlich machen – aber wollten Sie nicht lebendiger werden?

 

Andrea Schwarz

 



Aschermittwoch

SCHREIBEN

Eine erste Idee, lebendiger zu werden: schreiben!

Im Schreiben bringe ich meine Ein-drücke zum Aus-druck. Indem ich nach Worten suche, gebe ich meinen Gefühlen, Stimmungen, Erfahrungen einen Namen. Ich nehme damit mich und das, was in mir ist, ernst. Und ich kann mir etwas „von der Seele schreiben“. Es ist eine Form der Verarbeitung, die heilsam sein kann. Beim Schreiben kann ich loslassen, werden mir Dinge klarer, sortieren sich die Gedanken. 

Deshalb: Suchen Sie sich ein schönes Heft – und schreiben Sie in der kommenden Woche. Ja, per Hand! Was dachten Sie denn? Jeden Tag mindestens drei Sätze, eventuell morgens einen, mittags und abends. Oder Sie heben sich Ihre drei Sätze insgesamt für abends auf. Was Sie schreiben sollen? Das, was Ihnen an Gedanken grad durch den Kopf geht, was Sie erlebt haben, was Sie beschäftigt, was Ihnen wichtig ist. Nein, nicht mit dem Computer – Ihre eigene und ganz persönliche Handschrift ist gefragt! Denn keiner schreibt so wie Sie! 

Probieren Sie es doch einfach mal wieder aus – vielleicht bekommen Sie ja sogar Lust, Ihr Fastenzeit-Tagebuch bis Ostern zu schreiben? Und falls nicht – am Sonntag kommt eine neue Idee!

Aber Sie sollten sich auch nicht mit Mails, SMS und Twitter zufrieden geben…

 

Andrea Schwarz